06
FEB
2017
AVID Acutus, Sequel und Diva – Good-Better-Best-Vorführung bei FIDELITY

Der Geschäftsführer der britischen HiFi-Edelschmiede AVID, Conrad Mas, hat auf Messen, Shows und im Rahmen von Fachhändler-Workshops schon oftmals die Klangunterschiede seiner Analoglaufwerke anhand einer vergleichenden Vorführung herausgestellt. Jetzt war er zu Gast in der Redaktion des High End-Magazins FIDELITY und demonstrierte dort die Laufwerke Acutus SP, Sequel SP und Diva II (UVPs 14.500 / 7.900 / 2.500 €). Lesen Sie hier den Bericht aus der FIDELITY-Ausgabe 30:

 

"Good – Better – Best: Eine AVID-Demonstration überzeugt und verblüfft immer wieder. Conrad Mas, Chef und Gründer von AVID, sollte derzeit eigentlich andere Dinge im Kopf haben. Immerhin wurde AVID im vergangenen Jahr mit Verstärkern und Lautsprechern zum (analogen) Vollsortimenter. Trotzdem scheinen seine Gedanken meist um Plattenspieler zu kreisen. Wobei sein Meisterwerk, der AVID Acutus, den Dreh- und Angelpunkt seines Universums bildet. Von ihm leiten sich durch Reduktion des Materials, nicht aber der Idee, die Modelle Sequel und Diva ab. Zudem dient der Acutus auch als Referenzmaßtab für ein noch größeres, prinzipiell anders geartetes Laufwerk, das bislang aber nur als oifiziell unbestätigtes Gerücht in der Ideenwelt des Conrad Mas existiert.

 

Jüngst hatte Conrad Mas einen Besuch in der FIDELITY-Redaktion angekündigt, begleitet von Martin Klaassen und Uwe Kuphal vom deutschen Vertrieb – und einem Dreigestirn aus AVID-Plattenspielern. Schneller als man ‚Subchassisjustage’ sagen kann, waren die drei Laufwerke – Diva, Sequel, Acutus SP – auf gleichwertigen Solidsteel-Rackebenen aufgebaut. Alle drei mit identischen Tonarmen SME Series IV und MM-Abtastern MP-ISO von Nagaoka bestückt. Das günstige japanische System mag Kennern zwar nur ein müdes Lächeln entlocken, aber wir alle – Ingo Schulz, Cai Brockmann und meine Wenigkeit – hatten schon so manche der nun folgenden ‚Good-Better-Best’-Vorführungen erlebt, etwa auf Messen und Workshops. Wir waren somit gewarnt.

 

Analoginteressierten sei diese Demonstration dringend ans Herz gelegt. Sie kalibriert ganz nebenbei und ohne Anstrengung das Gehör. Weit verbreitete Abwehrhaltungen wie ‚Das höre ich doch sowieso nicht’ oder ‚wahrnehmbare Unterschiede beruhen auf Autosuggestion’ werden dabei binnen Minuten widerlegt. Auf dem Krefelder Analog-Forum vor zwei Jahren glaubte ich zunächst an einen Taschenspielertrick, so exorbitant fielen die klanglichen Verbesserungen mit gesteigerter Qualität des Laufwerks aus. Um ehrlich zu sein, ganz ausgeräumt wurde dieser Verdacht seither nicht, weshalb ich Conrad Mas ganz genau auf die Finger schaute, ob er nicht heimlich einen mobilen Digitalplayer, einen Equalizer oder Ähnliches in die Kette integrierte. Aber der Versuchsaufbau ist so transparent wie der Klang eines AVID Acutus, da gibt es keinen toten Winkel oder doppelten Boden. Alle drei Laufwerke fanden vollkommen identische Bedingungen vor.  Um auch die letzten Zweifel auszuräumen, wanderte sogar das Kabel zur Phonovorstufe AVID Pellere bei jedem Vergleich mit. Im Anschluss an die Phonostufe addierte diesmal ein Schmucker Cayin CS 100A mit KT88 ein Quäntchen Röhrencharme, bevor ein Paar B&W 653 S2 vorbildlich neutral den Schall wandelten.

 

An den Qualitäten unserer Testanlage hatte Conrad Mas jedoch erstaunlich wenig Interesse. Es gehe ihm um einen Vergleich der Laufwerke, kommentierte der eloquente Brite undogmatisch, dabei sei eine High-End-Kette hilfreich, aber nicht notwendig. Natürlich könnten die Laufwerke vor dem Hintergrund standesgemäßer Elektronik – perfekt wären Verstärker und auch Lautsprecher von AVID, meint Conrad Mas verschmitzt – noch heller strahlen, aber auch mit günstigen Tonabnehmern oder in einem nicht ganz so hochwertigen Umfeld wie im Redaktionshörraum sei die Qualität des Laufwerks deutlich wahrnehmbar. Innerhalb der AVlD-Hierarchie bildet der Acutus, gefolgt vom Sequel, die Spitze, unter und über dem Diva sind noch Ingenium und Volvere positioniert. Allen AVID-Modellen gemeinsam – also auch den drei vor uns aufgereihten Plattenspielern – sind das pfeilförmige, speziell lackierte Subchassis und das ausgeklügelte Tellerlager. Sie unterscheiden sich aber ganz erheblich hinsichtlich ihres Materials, vor allem des Tellers, und der mechanischen Entkopplung. Aber schon das kleinste Modell, erläutert Conrad Mas, soll zum Acutus hinführen, der Zuhörer dürfe vom Diva nicht enttäuscht werden, sondern sollte in ihm schon die Qualitäten des großen Laufwerks sehen, wenn auch nicht so ausgeprägt.

 

Konzentriert lauschen wir nun einigen hervorragenden Aufnahmen von Joe Jackson bis Henry Mancini. Jeweils dreimal hintereinander mit aufsteigender Qualität des Laufwerks. Es kann nicht oft genug betont werden: Diva, Sequel und Acutus SP sind die einzigen Variablen in diesem Vergleichstest, alles andere ist identisch. Und schon das kleine Diva-Laufwerk verfügt über Punch und Rhythmus, stellt nachvollziehbar die Güte von Aufnahme und Pressung dar und lässt die Musik ungehemmt fließen. Nur aus einem reichen analogen Erfahrungsschatz heraus lassen sich überhaupt Kritikpunkte an dieser Darstellung finden. Den souveränen Klang des Acutus aus der mehrwöchigen Testphase noch fest im Gedächtnis verankert, fällt mir etwa eine verminderte Räumlichkeit in der Tiefe auf, auch tragen Töne nicht im selben Maße, Klangfarben erscheinen etwas blasser. Erstaunlicherweise gelingt es dem Sequel sofort, all diese kleinen Unzulänglichkeiten auszumerzen. Der Schritt vom Diva zum zweitgrößten AVID-Modell gleicht einem gewaltigen Sprung, in jeglicher Hinsicht und auf ganzer Linie kann der Sequel eine Schippe drauflegen. Solange der Sequel spielt, bin ich sicher, dass aus dem günstigen MM-System von Nagaoka nicht mehr herauszuholen sein kann. Gleichzeitig weiß ich natürlich – schließlich wohne ich dieser Vorführung nicht zum ersten Mal bei –, dass das Spitzenmodell Acutus SP die Karten noch einmal neu mischt. Nicht, weil er dem Sequel gleichsam überlegen ist, wie jener dem Diva, sondern weil der Acutus höchstes Augenmerk auf filigrane Feinheiten legt. Größenverhältnisse, das Wechselspiel aus Fein- und Grobdynamik und schillernde Klangfarben vereinen sich zu einem mitreißenden, anspringenden und doch in sich ruhenden Vortrag, der sich in seiner Geschlossenheit und Selbstverständlichkeit mit den besten Laufwerken des Weltmarktes messen kann.

 

Im Gespräch mit Conrad Mas scheint immer wieder durch, wie tief er sich in die Materie eingearbeitet hat. Stets die Contenance bewahrend vertritt er seine Ansichten, die gängigen Lehrmeinungen durchaus widersprechen können – und lädt zum Ausprobieren in der Praxis ein. Also hören wir gegen Ende eines sehr kurzweiligen und erstaunlich lehrreichen Redaktionstages nur zum Spaß noch einige Scheiben. Beispielsweise dreimal in Folge die erste Minute des Intros zu ‚War Is Coming’ von einer Blue-Note-Erstpressung. Einmal mit Rhythmus und Drive, dann mit pointierter Percussion und mächtigen Drums und am Ende mit tiefer Räumlichkeit, lebhaftem Bass und herausgeschälten Details – die Reihenfolge ist leicht zu erraten. Zwar scheint der Schritt von Diva zu Sequel immer noch eindrucksvoller und gewichtiger, aber dennoch sind es, so Conrad Mas, ‚die letzten zwanzig Prozent des Acutus’, die potenzielle Kunden oft Jahre nach solch einer Good-Better-Best-Demonstration wieder zum AVID-Händler zurückkehren lassen – weil sie diesen Einfluss des Laufwerks, einmal gehört, nicht vergessen können."

 

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