12
NOV
2015
AVID INGENIUM: Supertest bei STEREOPLAY

In der STEREOPLAY-Ausgabe 12/2015 testete der Spezialist für analoge Laufwerke Roland Kraft den Avid Ingenium. Sein Report ist so unterhaltsam und  lesenswert, dass wir ihn hier komplett wiedergeben möchten.

 

"Querdenker

Verblüffend und schrullig. Effektiv und sonderbar. Genial und seltsam. Bei Avids Einsteiger-Laufwerk Ingenium kollidieren Welten. Also lautet die Frage: Funktioniert es? Aber ja!

Zu der Frage, wie man einen guten Plattenspieler baut, gibt es unter jenen, die vorgeben, etwas davon zu verstehen, ungefähr 100 Meinungen, die sich zum größten Teil komplett widersprechen. Deshalb ist es wohl angebracht, vorbehaltlos an die verschiedenen Konstrukte heranzugehen und die wohl komplexesten Messinstrumente anzuwenden, die uns zur Verfügung stehen: unsere Ohren.

Wer sich schon näher mit englischem HiFi beschäftigt hat, der weiß, dass die Inselbewohner ein Faible für Schrulliges haben. Aber man weiß auch, das wir dieser Querdenkerei außergewöhnliche Produkte verdanken, die hin und wieder prägend für die Methoden waren, die wir anwenden, um Musik zu reproduzieren. Das Ingenium-Laufwerk, der kleinste Vertreter im Analog-Portfolio der britischen HiFi-Schmiede Avid, ist da keine Ausnahme. Man nehme also einen T-förmigen Träger aus „Balken“ (sechs Zentimeter starkes, massives Aluminium), pfeife frohgemut auf das übliche Chassis, setze einen dicken Lagerzapfen mehr oder weniger mittig in diese Konstruktion und lege das Ganze auf drei nur gesteckte, sehr schwabbelige Füße aus Elastomer. Dann füge man einen Aluminium-Subteller hinzu, auf dem ein MDF-Plattenteller mit fest aufgeklebter Korkmatte liegt. Zu guter Letzt stelle man eine Motordose hinzu, die über einen Schnurschalter aktiviert wird.

Schon haben wir einen Ingenium. Dieser verfügt über ein invertiertes Lager, das aus einem extrem dicken, konischen Stahllagerzapfen besteht, an dessen oberem Ende eine Wolframkarbidkugel aufliegt, die ihrerseits das Lagergegenstück im Subteller trägt. Laut Hersteller soll ein winziges Ölreservoir oberhalb der Kugel auch den vertikalen Lagerzapfen (der so trocken ist wie die Wüste Gobi) ausreichend schmieren und so ein praktisch wartungsfreies Lager ergeben.

Doch auch bei seinem Antrieb offenbart der Ingenium verblüffende Lösungen: Starker Motor, leichter Teller, scheint das Prinzip zu lauten, denn der wuchtige, offenkundig kräftige Motor steht getrennt hinter dem Laufwerk rutschfest auf einem großen Gummiring und vibriert fröhlich vor sich hin. Der genaue Abstand zum Laufwerk ist angegeben, doch die Spannung des Rundriemens beeinflusst natürlich die Drehzahl. Man solle doch die Geschwindigkeit checken, die auch ein wenig an der Entfernung der Motordose zum Laufwerk abhänge, meint dazu das bebilderte Manual lakonisch.

Die Standardausführung des Ingenium kommt für den angegebenen Preis serienmäßig inklusive des bekannten 9-Zoll-Carbon-Tonarms von Pro-Ject aus der Kiste – nicht die schlechteste Lösung. Auf entsprechende Bestellung sind verschiedene Armbasen auf (oder besser: im) Alu-Querträger möglich, wobei das Laufwerk auch für 12-Zoll-Tonarme bestellt werden kann. Da an den drei Füßen des Ingenium keine Höhenverstellung vorhanden ist, sollte man beim Aufbau den Unterbau des Plattenspielers ins Wasser bringen oder mit Unterlegern arbeiten.

Zum Hören haben wir zwei bekannte Tonabnehmer bemüht: den Denon DL 103 (MC) und den Ortofon 2M Red (MM), als Phonoverstärker diente Clearaudios Smart Phono.

Der erste Eindruck: verblüffend. Was diese Laufwerks-/Tonarm-Kombi bereits aus dem preisgünstigen (aber sehr guten) Ortofon herausholt, ist vorbildlich. Dabei vermittelt der Avid Ingenium durchaus den klanglichen Eindruck eines „großen“ Laufwerks. Seine unerwartete Souveränität, gekoppelt mit einem felsenfesten Klangbild, lässt subjektiv fast ein Masselaufwerk vermuten. Begeisternd auch seine rhythmischen Fähigkeiten, die Spielfreude, Schnelligkeit und Taktgefühl vermitteln. Dass der Ortofon hier unterdimensioniert ist, war sofort Konsens.

Der Avid ist alles andere als ein Einsteiger-Laufwerk. Mit einem angemessenen Tonabnehmer lassen sich seine gehobenen Fähigkeiten nochmals tiefer ausloten: etwa jene, auch bei komplexen, lauten Passagen Struktur und Raum zu bewahren. Was ihn von den Boliden noch trennt, sind die Schwärze des Hintergrunds, etwas Klangfarbe und schiere Wucht im Bass. Doch dieser Vergleich ist mehr als unfair, denn was der Ingenium realisiert, ist Hörspaß auf unerwartet hohem Niveau.

Die Moral von der Geschichte: schrullig funktioniert. Und zwar verflixt gut. Und noch etwas: Man lernt nie aus.

Bewertung
Technisch sehr ungewöhnliches englisches, riemengetriebenes Laufwerk mit verblüffend gutem Klang.

Testurteil
Klang. Spitzenklasse, 51 Punkte
Gesamturteil: gut - bis sehr gut, 74 Punkte
Preis/Leistung: sehr gut"