Statement „Women in HiFi“- HIGH END 2025

16. April 2026

Women in HiFi – Ein Thema, das lauter werden muss

Dieser Text liegt seit fast einem Jahr in der Schublade. Fertig geschrieben, nie veröffentlicht – immer wieder verschoben, weil andere Themen drängender schienen. Als ich mich während der Messe in eine der hinteren Reihen setzte, war ich Feuer und Flamme – wenn auch etwas zu ruhig im Nachhinein betrachtet. Und genau das ist Teil des Problems, über das ich hier schreibe. Denn „Women in HiFi“ ist kein Randthema, das man auf später verschieben kann. HiFi PiG leistet an dieser Stelle eine immense Vorreiterarbeit. Ja, 2026! Wir sind noch nicht laut genug. Es muss lauter werden. Also: jetzt.


Ein Forum, das nachdenklich macht

Auf der High End München fand eines der – meiner Meinung nach – wichtigsten Gespräche der Messe statt. Nicht in einem der vielen Hörräume, nicht in den lauten Atrien des Münchener Gebäudes, nicht in den Räumen der Hersteller voller Highend Elektronik, sondern in einem Forum der High End Society: „Women in HiFi“. Direkt hinter dem Pressebereich. Das erste seiner Art. Ein großes Lob an die High End Society für die Idee und die Umsetzung dieses überfälligen Austauschs – und hoffentlich steht es auf der Agenda für Wien!

Das Plenum mit Angela Cardas (Cardas Audio), Linette Smith (HiFi PiG), Amelia Santos (Innuos), Jenny Jose (Bass ‚N‘ Treble) und Daniela Manger (Manger Audio) widmete sich einer Frage, die unsere gesamte Branche angeht: Wie können Frauen stärker für HiFi begeistert werden – und warum ist das bis heute so schwer?

Was mir damals aufgefallen ist und bis heute beschäftigt: Unter den männlichen Messebesuchern wurde dieses Forum eher belächelt als ernst genommen. Ich habe auf dem Weg zum Pressebereich die Ohren gespitzt und mich bei einigen direkt umgehört. Leider hat sich keiner bereit erklärt, sich das Panel anzuhören – und gewisse Kommentare wiederhole ich hier nicht. Fast ein Jahr später hat sich daran offenbar wenig geändert. Mir fällt es im Alltag immer wieder am Telefon auf, das bei Fragen des öfteren direkt nach dem Kollegen verlangt wird oder gefragt wird ob man an der richtigen Stelle sei… Vielleicht ist genau das der deutlichste Beweis dafür, wie notwendig dieses Gespräch ist – und wie weit wir noch haben.


Strukturelle Hürden, keine persönlichen

Die Diskussion machte schnell deutlich: Es liegt nicht an mangelnder Musikbegeisterung. Frauen lieben Musik genauso wie Männer. Was fehlt, ist der Zugang – und zwar auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Da ist der klassische Hörraum mit genau einem Stuhl. Darf die Familie mit hinein? In den meisten Fällen: Nein. Angela Cardas berichtet aus ihrer Kindheit, in der dieser Raum für sie fast Tabu war – Hören ja, aber anfassen eher nein, und wie sie heute mit ihrer Familie genau diese Barriere aufbricht. Dieser Raum ist jetzt ein Familienraum. Sollte er nicht schon immer so gewesen sein?

Da ist der Fachhandel, aus dem Jenny Jose vor allem aus Indien berichtet: Frauen ohne männliche Begleitung werden häufig nicht ernst genommen, ihnen wird Kompetenz schlicht abgesprochen – weil sie Frauen sind. Die Kommunikation läuft fast immer über den Mann. Es hapert an der Glaubwürdigkeit – und das ist ein strukturelles Problem, kein individuelles.

Und da ist eine Branche, die technisch interessante Produkte seit Jahrzehnten vorwiegend an Männer richtet und sich dabei kaum etwas denkt. Da ist die Wissenschaftlerin, die Ingenieurin, die auf der Messe ihr Produkt vorstellt – und in den meisten Fällen nach ihrem Kollegen oder nach der Möglichkeit eines Kaffees gefragt wird. Amelia Santos berichtet das aus eigener Erfahrung: Kompetenz wird trotz offensichtlicher Referenzen abgesprochen. Viele Wortmeldungen aus dem Publikum bestätigten genau das – gerade an einem der letzten Messetage, als viele erschöpft und ehrlich waren. Hier entstand eine der ersten wirklich offenen Diskussionen zwischen Plenum und Publikum.

Das die Branche sich so positioniert ist kein Zufall. Das ist Struktur. Und Strukturen ändern sich nicht von selbst.

Das Plenum war sich einig: Es liegt nicht an den Frauen. Es liegt an einer Gesellschaft, an einer Branche, die sich bequem eingerichtet hat – und die aufgefordert ist, es sich etwas unbequemer zu machen. Fragt! Nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe.

„…as well not talking down to people. So it’s not like… I know all about this subject but you don’t know anything. Then they don’t want to learn anything.“ – Linette Smith

 

Foto HiFi PiG

Messehalle In München (ein letztes Mal)

Foto HIGH END Society

Kopfhörer als Einstieg, Vinyl als Türöffner

Wo fängt die Reise an? Kopfhörer wurden als perfekter Einstieg in besseren Klang genannt – zugänglich, alltagstauglich, persönlich. Aber auch hier offenbart die Branche eine Lücke: Es gibt kaum Modelle, die für Frauen in Passform und Größe wirklich passen. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist ein Signal, wen man als Zielgruppe im Kopf hat – und wen nicht.

Mir fällt dabei die Fachhändler/innen der Sportbranche ein, die erst jetzt – 2025/2026 – Frauen als eigene Zielgruppe entdecken. Ja, Frauen machen Sport. Unfassbar eigentlich, dass das erst jetzt erkannt wird – eine der kaufkräftigsten Zielgruppen über Jahre hinweg ignoriert. Liebe Hersteller: Es ist noch nicht zu spät, den Fokus zu erweitern und Kopfhörergrößen zu überdenken. Viele Frauen aus diesem Panel wären sehr dankbar dafür.

Der aktuelle Vinyl Trend wurde ebenfalls positiv erwähnt: Gen Z entdeckt das Medium neu. Viele Künstler/innen bringen ihre neuesten Stücke nicht nur auf Vinyl in verschiedenen Designs heraus – sogar die Kassette ist zurück. Die junge weibliche Zielgruppe kauft die Platte ihres/ihrer Lieblingskünstler/in – und dann fängt die Reise erst an. Wer möchte sie da aufhalten? #vinylisnotdead

Erinnert euch, wo ihr angefangen habt. Lasst die Jüngeren mitreden, hört ihnen zu – ihr werdet überrascht sein.

Streaming wird uns begleiten, und das ist gut so. Bewusstes Hören, das Erleben von Musik, ist für alle wichtig. Der Einstieg darf niedrigschwellig sein. Das ist keine Schwäche.


Der Gender Gap ist auch ein Preisthema

Frauen haben im Durchschnitt ein geringeres verfügbares Einkommen. Das ist keine Meinung, das ist Realität. Und diese Realität verschiebt Prioritäten – nicht weil HiFi unwichtig ist, sondern weil eine Branche, die fast ausschließlich auf hochpreisige Setups setzt, strukturell bestimmte Menschen ausschließt. Darunter überproportional viele Frauen. Dabei ist das Interesse vorhanden – es wird nur zu selten anerkannt.

Jenny Jose berichtet eindrücklich aus Indien: Viele Frauen dort wissen gar nicht, dass dieses Hobby auch für sie sein kann. In einem Umfeld, in dem finanzielle Entscheidungen häufig nicht bei ihnen liegen, ist der Zugang zu HiFi kaum möglich. Jenny und ihr Team arbeiten daran, Frauen in ihren Stores aktiv zu ermutigen – es ist ein langsamer, schwieriger Prozess. Aber er zeigt: Es geht, wenn man es will.

Eine junge Frau im Publikum brachte es auf den Punkt: Zu viele Messen, zu viele Händler/innen, zu viele Vertriebe fokussieren sich ausschließlich auf das Exklusive. Vieles ist zu technisch und ohne Fokus auf die Musik. Das schreckt ab, statt einzuladen. Zugängliche, qualitativ hochwertige Einstiegsprodukte sind kein Kompromiss. Sie sind der Schlüssel – für Frauen, für Jüngere, für alle, die noch nicht angekommen sind. Geht zusammen in den nächsten Plattenladen, sucht eure Lieblingsplatte – eine, auf die ihr kaum warten könnt, sie zu hören. Ein Anfang. Das Exklusive kommt später.

„Going shopping together is the key!“ – Jenny Jose


Was wir daraus mitnehmen

Als Vertrieb können und wollen wir niemandem etwas vorschreiben. Aber wir können eine Haltung haben – und wir können sie zeigen. Auch hier, auf diesem Blog. Auch wenn es manchmal etwas länger dauert, bis ein Text online geht. Denn es ist wichtig und muss angesprochen werden. Denn wie Daniela Manger sagt:

„Even as a manufacturer or producer, we are happy when people are happy with the music and forget about the technical part. Not only women – bring younger people in!“ – Daniela Manger


Fazit: Jetzt erst recht

Das Forum auf der High End München hat gezeigt, wie viele Frauen in dieser Branche bereits aktiv sind – und wie viele es noch werden wollen, wenn man sie lässt. Das Publikum war fast ausschließlich weiblich, generationenübergreifend, engagiert. Die Gespräche gingen noch lange nach dem offiziellen Ende weiter.

Und die männlichen Messebesucher draußen? Die haben geredet. Über das Forum. Nicht mit ihm.

Das sagt alles.

Wir würden uns freuen, wenn dieses Thema auf der nächsten High End in Wien weitergeführt wird. Nicht als Pflichtprogramm. Sondern weil es uns wichtig ist.

Musik gehört allen. Guter Klang auch.

 


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